Veröffentlicht am 22. April 2026 · 7 Min. Lesezeit
La Viga: die Hebelpresse, die die traditionellen Weine Leóns geprägt hat
Vor Edelstahl wurden die Weine Nordwestspaniens mit einem einzigen Gerät gepresst: einem 12-Meter-Eichenbalken, einem 1 000-Kilo-Steingegengewicht und 48 Stunden Geduld. So entstand der „Vino de Viga".
Ein Hebel von zwölf Metern
Versteckt in den Steinkellern des nordwestlichen Iberiens — León, Bierzo, Galicien, Nordportugal — existieren noch funktionierende Maschinen, die wie aus der klassischen Antike wirken. Man nennt sie lagares de viga.
Die viga ist genau das, was ihr Name suggeriert: ein massiver Eichenstamm von 8 bis 15 Metern Länge, leicht gebogen, der als Hebel dient, um Trauben zu pressen. An einem Ende steht das lagar selbst — ein quadratisches Becken aus Stein oder Holz, in das die getretenen Trauben kommen. Am anderen Ende hält eine vertikale Schraube einen Granit-Gegenpol von 800 bis 1 200 Kilogramm.
Wenn der Winzer die Schraube dreht, sinkt der Gegenpol, die viga senkt sich langsam, und die Trauben werden mit enormer, aber extrem fortschreitender Kraft gepresst. Der Saft — zunächst der mosto yema (Vorlaufmost), dann der mosto de prensa (Pressmost) — fließt durch in den Stein gehauene Rinnen in ein unteres Becken, wo er in Fässern aufgefangen wird.
Warum langsames Pressen zählt
Die technische Besonderheit der Viga-Presse ist die Zeit. Während eine moderne pneumatische Presse die Trauben in 30 Minuten bei bis zu 2 bar Druck zerquetscht, arbeitet eine traditionelle Viga 36 bis 72 Stunden lang bei selten mehr als 0,3 bar.
Die önologischen Folgen sind bemerkenswert:
- Weniger Extraktion bitterer Tannine: Kerne und Rappen — die adstringierendsten Teile — werden nicht zerquetscht.
- Mehr aromatische Feinheit: die Oxidation ist langsam und durch das Gewicht selbst reguliert.
- Sauberer Most: kaum Schwebstoffe, was die Filtrationsnotwendigkeit reduziert.
Das Ergebnis ist ein Most, der bereits im Tank eine Feinheit behält, die mit moderner Technik schwer zu reproduzieren ist. Winzer im Bierzo und in der Ribeira Sacra sprechen — nicht ohne Nostalgie — vom Wein der Viga als Maßstab für Eleganz.
Architektur für die Kraft
Der Lagar de viga ist keine tragbare Maschine. Er ist Architektur. Die Viga selbst — je nach Eiche zwischen 1 500 und 3 000 kg — ist mit Eisenzapfen in die Steinmauer des Kellers eingelassen, die für die Last verstärkt sein muss. Das Lagar-Becken ist meist aus einer einzigen Granitplatte gehauen. Der Gegenpol hängt an einer Eichen- oder Kastanienschraube, in einigen Fällen mit von Hand geschnittenem Gewinde — eine Meisterleistung der Zimmerei.
Im Bierzo und in den Ancares sind noch funktionierende Exemplare vorhanden. In der Ribeira Sacra (Galicien) wurden über 70 Lagares de viga inventarisiert, mehrere geschützt als Bien de Interés Cultural. In der Provinz León — Cacabelos, Villafranca del Bierzo, Corullón — werden zur Lese restaurierte Lagares in Betrieb genommen.
Die Geste des Winzers
Eine Viga zu bedienen ist keine Ein-Mann-Arbeit. Um „die Viga abzulassen", braucht es vier oder fünf Personen: zwei drehen die Schraube, zwei justieren den Hut, einer notiert den austretenden Most. Der Vorgang teilt sich in vueltas: alle zwei, drei oder zwölf Stunden wird die Schraube um eine halbe Drehung angezogen, die Viga senkt sich um wenige Zentimeter, ein neuer Strom Most tritt aus. Geduld misst man in Tropfen.
In einer guten Lese kann eine einzige Viga 6 000 bis 12 000 kg Trauben in einer Woche pressen. Wenig, verglichen mit Industriepressen. Genau das, was ein Familienprojekt braucht.
Warum es heute zählt
Während die industrielle Weinbereitung uniformer wird, kehren viele Winzer Nordwestiberiens zur Viga zurück. Nicht aus Nostalgie, sondern aus önologischen Gründen. Pneumatische Pressen, perfekt für junge Weine und große Volumen, liefern nicht immer die Feinheit, die ausbaufähige Weine aus atlantischem Klima verlangen. Die Viga, langsam und delikat, bietet eine Alternative, die ethnografisches Erbe mit messbarer Weinqualität verbindet.
Für uns in León heißt die Viga zu rehabilitieren, sich zu erinnern, dass Wein jahrhundertelang ein kollektives, langsames und präzises Werk war. Und dass das Ergebnis im Glas zu sehen ist, in einem guten Jahrgang.
Sie in Aktion sehen
In unserem privaten Erlebnis können wir Sie, falls Ihre Daten mit der Lese zusammenfallen, in einen Bierzo-Keller bringen, in dem die Viga noch abgelassen wird. Fragen Sie uns: September und Oktober.
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